Kino

Asche ist reines Weiss

  • China in den letzten 20 Jahren auf den Spuren einer Liebesgeschichte.
  • R+B: Jia Zhang-Ke – K: Éric Gautier – M: Giong Lim – D: Zhao Tao, Liao Fan, Xu Zheng, Casper Liang – China/Frankreich 2018, L: 135 Min.

Qiao hat sich ihren Rucksack vor den Bauch geschnürt. Er enthält die Habseligkeiten, die ihr geblieben sind, und er schützt sie wie ein Brustpanzer. Die Welt, durch die sie sich bewegt, mutet auf den ersten Blick nicht bedrohlich an, aber sie hat sich radikal gewandelt. Fünf Jahre hat Qiao im Gefängnis gesessen. So hoch ist in China das Strafmaß für illegalen Waffenbesitz. Nach ihrer Entlassung unternimmt sie eine Schiffsreise auf dem Jangtse, durch die berühmten Drei Schluchten, die in naher Zukunft in einem gigantischen Stau-Becken verschwunden sein werden. Jedoch hat sie die Reise nicht als Touristin angetreten, sondern als eine Liebende, die ihren Mann wiederfinden will. Sie hofft, dass Bin in den vergangenen fünf Jahren ebenso loyal zu ihr gestanden hat wie sie zu ihm. Für ihn hat sie die Gefängnisstrafe auf sich genommen; nie wäre es ihr in den Sinn gekommen, ihren Geliebten zu verraten. In der Zwischenzeit soll Bin ein erfolgreicher Unternehmer geworden sein. Er geht nicht ans Telefon und lässt sich verleugnen. Erst durch ein Manöver gelingt es ihr, ihn zur Rede zu stellen. Jetzt gewinnt die Liebesbeziehung zwischen Qiao und Bin eine andere, entschieden unromantischere Gravitas. Der Regisseur bindet sie ein in den rasanten Wandel Chinas. Das Treiben der Kleingangster ist eingangs noch in ländlichen Strukturen aufgehoben. Fünf Jahre später ist das Land endgültig vom Fieber des Kapitalismus ergriffen. Der Werdegang der Figuren ist lesbar als Parabel darüber, wie man sein Leben rekonstruiert, während die Welt drum herum sich für einen ungewissen Fortschritt rüstet. Auf der Suche nach der Zukunft.